Keine Angst!

Theaterklasse 19 glänzt bei den 64. Theatertagen der bayerischen Gymnasien in Aschaffenburg

Zum Abschluss des Schuljahres 2021/22 nahmen die Schülerinnen und Schüler der 19. Theaterklasse des Riemenschneider-Gymnasiums an den Bayerischen Theatertagen teil. Lesen Sie hier eine Rezension zu dem Stück von Wolfram Brünighaus:

Keine Angst!

„Angst – eine interaktive Forschungsreise auf den Spuren von Hänsel Gretel“ – Theaterklasse der 6. Jahrgangsstufe des Riemenschneider-Gymnasiums Würzburg unter Leitung von Theresa Salfner-Funke

Nein! Keine wissenschaftliche Durchforschung! Nein! Keine robuste Bestandsaufnahme! Nein! Keine psychologische Ausdeutung! Nein, das alles nicht! Dafür aber ein unterhaltsames, launiges Beschäftigen mit Hänsel und Gretel, mit deren Angstgefühlen und mit deren Überwindung bei interaktiver Einbeziehung des Publikums. Stets mit glaubwürdig zwinkerndem Auge, bestenfalls in seinem professionellen Anspruchsniveau der Apotheken-Umschau nahe. Da ging das Publikum gerne und freudig mit.

Eine riesige Projektion mit ominösen Flüssigkeiten in Reagenzgläsern legt die Örtlichkeit der ersten Szene fest. In türkisfarbigen Vliesanzügen referiert eine Gruppe über Prozentzahlen zu Angstgefühlen der Bevölkerung, erwähnt dabei die klassischen Angstauslöser wie Fliegen, Ratten, Mäuse, Einsamkeit und fordert auch das Publikum auf, sich zu äußern. Aber „wovor haben Kinder Angst?“ Und da erfolgt eine beeindruckende Bildantwort: Abendroter Himmel über dunkler Waldkulisse. Sechs schwarz gekleidete Kinder bewegen sich im Halbdunkel vorsichtig in von Angst gekrümmter Körperhaltung ohne erkennbare Gesichter vor der Projektion. Der von Hörnern gespielte Schutzengelchoral aus der Ouvertüre zu „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck provoziert Beklommenheit bis weit und tief ins Publikum hinein. Ein Wechselgespräch über kindliche Befindlichkeiten und über Eltern endet in der Aufforderung an die Mutter: „Bitte lass uns nicht allein!“ Die Laborgruppe wendet sich ans Publikum zu helfen. Ein QR-Code wird eingeblendet. Wir lesen: „Was kann helfen, damit Eltern ihre Kinder behalten können?“ „Ja, Therapie!“ Wieder erscheinen die schwarzen Kinder in Angst, treten nach vorne und artikulieren ihre Sorgen. Auf vorher im Zuschauerraum ausgelegten Zetteln standen Begriffe, die bei Erwähnung auf der Bühne mit Bingo-Rufen quittiert wurden. Dieses Zauberwort löst sofort das Singen eines Lieds über Ermutigung aus. „Was kann man machen, um der Einsamkeit zu entkommen?“ Rufe aus dem Publikum, die von den Laborantinnen notiert werden: „Freund, Haustier, Theater, usw.“ Neuerliche Klagen über Einsamkeit und Alleinsein, Fragen nach den Eltern in der Dunkelheit werden mit der Aufforderung beantwortet: „Taschenlampen würden helfen, den Weg zu finden, Ängste zu erkennen und gegen sie etwas zu unternehmen.“ Die Laborantinnen rufen erneut zu interaktiver Publikumsmitwirkung auf und dabei Angstredewendungen zu benennen. Die schwarzen Kinder stehen immer noch im Wald. Sichtbar kriecht die Angst an ihnen hoch, verstärkt durch maskierte Drohgestalten. Die Projektion verrät die häufigsten Angstauslöser: Prüfungen, Streit, Trennung der Eltern, Krankheit und (nicht genannt und dennoch berücksichtigt, siehe Ende!). Eine Schülerin mit Intellektuellenbrille referiert als Professorin der Uni-Klinik und ergeht sich in der Aufzählung von Angstsymptomen. Als sie zu Überwindungsmaßnahmen übergehen will, wird sie durch einen Telefonanruf unterbrochen. Bleibt ja nur noch die Selbsthilfe! Bunt-verlockendes Angebot von Kompensatoren werden projiziert: Gummibärchen, Schokolade, Brezeln, Donuts, Smarties. Ein Bingo-Zwischenruf lässt das Lied vom Candyman erklingen, selbstverständlich live gesungen. Laugenbrezeln an langen Stöcken verleiten zum Reinbeißen, zum Sattessen. Die angsterfüllten Kinder wollen sich mit Seilspringen und Meditation ablenken.

Die „Zusammenfassung“ geschieht in Bildprojektionen: Krieg, Totenkopf, grauer Wald, Spinne, medizinische Maske, Blut, Feuer einerseits und andererseits Erdbeerkuchen, Fütterung von Tieren, Essen, Trinken, Chillen, Rutschen, Schnee, Radfahren, Smarties, Perücke, Theaterprobe (!), Gummibärchen und (witzig) ein Szenenbild aus dem Stück „Vogelbunt“ vom Donnerstagvormittag. Die Laborantinnen ziehen ihr Resümee: „Forschungsgelder sind bewilligt, es besteht ein Forschungsfortschritt, gerne Übergang zu weiterer Arbeit“, und sie gehen ins Publikum ab. Ausgelassenes Radschlagen auf der Bühne.

Die Gruppe zeigte äußerst unterhaltsam ihre Beschäftigung mit einem weit verbreiteten Negativ-Gefühl, das Erwachsene und Kinder in unterschiedlicher Weise betrifft und ihnen begegnet. Das Gedankenlabor präsentierte zum Schluss das Ergebnis seiner Arbeit, die im Zusammenwirken mit dem Publikum heitere Einflüsse erhielt. Dass uns die Kinder allein durch ihr Tun (noch dazu zu dieser Thematik) bewiesen, wie der weit verbreiteten Angst unter Jugendlichen, öffentlich zu reden, beizukommen ist, war eine Sternstunde. Im Spiel konnten sie (erfolgreich) ihre eigene Angst überwinden. Die Spiegelung, nicht nur von anderen beobachtet zu werden, sondern auch die anderen zu beobachten, war bester Angstabbau und starkes Mutmachen. Keine Angst!

Wolfram Brüninghaus